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Super Bloom
Rhoda Davids Abel, Sergio Rojas Chaves
14.02.–12.04.2025

Zur Superblüte (engl. „Super Bloom“) keimen und blühen ein ungewöhnlich hoher Anteil von Wildblumen gleichzeitig. Das seltene botanische Wüstenphänomen steht metaphorisch für die Zuspitzung und den Ausbruch von Ereignissen und dient Rhoda Davids Abel und Sergio Rojas Chaves als Anlass, eine Momentaufnahme ihres prozesshaften, recherchebasierten Schaffens zu präsentieren: Während Sergio Rojas Chaves sich mit der Kultivierung, Exotisierung und Kommerzialisierung von tropischen Pflanzen auseinandersetzt, spürt Rhoda Davids Abel individuellen Geschichten und kollektiven Mythenbildungen in Bezug auf die eigene Herkunft nach. Der aufmerksame Akt des Beobachtens und Erzählens nutzen beide Kunstschaffende als künstlerische Methode zur Beschreibung und Verortung der jeweiligen Weltwahrnehmung: Wie sind Lebensräume, die uns umgeben, gestaltet? Wodurch werden diese lebens- und begehrenswert? Welche Machtverhältnisse, kulturellen und sozialen Codes sind ihnen eingeschrieben? Und wie werden diese mit poetischen Mitteln sicht- und verhandelbar?

Rhoda Davids Abels künstlerische Auseinandersetzung beruht auf vertieften Recherchen zur eigenen Herkunftsgeschichte; zur Geografie sowie zum politischen und sozialen Erbe Südafrikas und Tansanias. Sie sammelt und rekonstruiert Mythen, spirituelle Bräuche und Rituale sowie Träume und Traumata und übersetzt diese in poetische Texte, Fotografien, Videoessays, Objekte oder Performances. Ihr eigener Körper sowie Alltagsgegenstände, die eine symbolhaften Aufladung erfahren und zu Trägern dieser Geschichten, Emotionen und Erinnerungen werden, spielen dabei eine zentrale Rolle. Die künstlerischen Arbeiten fügen sich zu einem zeitgenössischen Archiv, worin marginalisierte Stimmen bewahrt werden.

Sergio Rojas Chaves untersucht das eigene Verhältnis zur Natur, zu deren Kultivierung, zu historischen und kulturellen Prägungen von Lebensräumen und Naturbildern. So analysiert Rojas Chaves beispielsweise das Zusammenleben von menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen im urbanen Raum, den ambivalenten Stellenwert von tropischen Zimmerpflanzen in unseren Privatwohnungen oder den exotisierenden Blick von Tourist*innen auf seinen aktuellen Lebensmittelpunkt Costa Rica. Diese künstlerische Feldforschung übersetzt Rojas Chaves in fotografische Arbeiten, Objekte und Installationen oder macht sie in partizipativen Stadtrundgängen erfahrbar.

Raum 1

Das sogenannte Hawaii-Hemd, mit tropischen Vögeln, Pflanzen und Landschaften bunt bedruckt, hat seinen Ursprung in der Alltagskleidung der männlichen Bevölkerung im Honolulu der 1840er Jahre. Mitte des 20. Jahrhunderts fand es mit dem aufkommenden US-amerikanischen Tourismus auf der Insel Hawaii über die Landesgrenzen hinaus Verbreitung. Heute erlebt es als nostalgischer Rückgriff auf ein bestimmtes Lebensgefühl im Zuge von Second-Hand-Kleidung aber auch als Neuauflage von Modeschöpfer*innen ein Revival. Sergio Rojas Chaves Interesse an den Hemden gilt der Konstruktion und touristischen Vermarktung des «Exotischen». Als «exotisch», wird eine meist westliche Projektion auf Orte, Objekte, Menschen und Landschaften verstanden, die deren kulturelle Differenz betont und sie in ihrer Andersartigkeit verklärt und romantisiert. Die Vorstellung tropischer Orte wird so zum utopischen Paradies stilisiert, das einen Ausstieg aus Alltag und moderner Gesellschaft verspricht. Das Hemd hat sich in seiner Geschichte der Verbreitung, Aneignung und den unterschiedlichen damit verbundenen Zuschreibungen stark diversifiziert. So wird es als je nach tragender Person als authentisch oder angeeignet gelesen, kennzeichnet einen Lebenstil, vulgäre Tourist*innen oder gilt als modisches Statement.

Die textile Arbeit It all feels the same von SERGIO ROJAS CHAVES ist aus solchen tropischen Shirts gefertigt: Die Hemden hat Rojas Chaves in Secondhand-Läden in San José erworben. Es handelt sich um Kleidungsstücke, die in den USA für wohltätige Zwecke gespendet wurden. An costa-ricanische Einzelhändler*innen verkauft, werden diese in Charity-Shops als «American Fashion» angeboten. Mit dem Zusammenfügen der Hemden macht Sergio Rojas Chaves dieses Phänomen sichtbar: Die Hemden werden zu einem textilen Patchwork, das deren komplexe Geschichte und Bedeutung konserviert – vom exotisierenden Blick auf die Tropen bis hin zur globalisierten Modeindustrie und deren Verwertungsketten.

RHODA DAVIDS ABELS fotografische Serie van katrieltoer voersies en muggiepis wees entstand ausgehend von einem Aufbewahrungsbeutel für Schuhe, den ihre Mutter, Schneiderin von Beruf, aus Baumwollstoff und Spitze gefertigt hat. Davids Abel hat das Modell aus bunter Gaze nachgenäht und mit Dingen bestückt, die als individuelle und kollektive Erinnerungsträger fungieren: ein Foto der verstorbenen Mutter, Garn und Massband oder auch künstliche Nägel und zerbrochene Strausseneierschale aus Südafrika. Rhoda Davids Abel verweist auf die politische Dimension sowie die Kulturgeschichte dieser Dinge. Ein Kamm, der über dem Herd erhitzt wurde, Haarklammern und eine Heissluftbürste zum Glätten der Haare wecken Kindheitserinnerungen an den Duft, der beim Erhitzen der Haare entstand. Viele der Gegenstände sind Geschenke, die Rhoda Davids Abel im Laufe ihrer Recherche zur eigenen Herkunftsgeschichte erhalten hat. Und es sind persönliche Geschichten, die ihr die Schenkenden erzählt haben: Die Wäscheklammern von Rhodas tansanischer Grossmutter waren ihr wertvollster Besitz. Die Praxis des Geschichtenerzählens und der mündlichen Überlieferung von Erfahrungen verbindet David Abels auch mit der Tätigkeit ihrer Mutter als Schneiderin. Deren Atelier war ein Ort der Zusammenkunft, des Gebets, der Pflege und heilmedizinischen Versorgung.

In der fotografischen Inszenierung trägt Rhoda Davids Abel diese Aufbewahrungsbeutel – Kleidungsstücken ähnlich – vor ihren Körper gehängt. Die Gesten ihrer Hände changieren zwischen zärtlicher Berührung, Halt und Pose. Mit dem kreisrunden Scheinwerferkegel thematisiert sie einerseits den performativen Akt des Tragens dieser Objekte und andererseits die Repräsentation Schwarzer Körper sowie deren ambivalente Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zwischen Hypersichtbarkeit und Unsichtbarmachung. Auseinandersetzungen rund um die Transformation des eigenen Körpers in einen Bühnenkörper verhandelt Rhoda Davids Abel auf spielerische Weise ebenso wie die Beziehungen zwischen Menschen und ihren Dingen: Wo verläuft die Grenze zwischen mir und dem Gegenüber? Zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem? Wie bieten uns Gegenstände, die wir mit uns herumtragen, ein temporäres Zuhause? Und wie lassen sich Erfahrungen von Segregation, Migration, Fremdsein und Zugehörigkeit konservieren?

Raum 2

In der Installation Build me up von SERGIO ROJAS CHAVES finden sich textile Scherenschnitte in satten Farben, über Kunststoffstrukturen drapiert oder zu Stapeln aufgehäuft. Sie wecken Assoziationen zu den Abfallbergen von Kleidungsstücken in der Atacama-Wüste, wo die Reste der Überproduktion von Fast Fashion landen. Die an Möbelstücke erinnernden Strukturen aus Acrylglas schaffen Bezüge zu wiederkehrenden Trends aus dem Möbeldesign der 1990er Jahre. Die damit assoziierte minimale, moderne Ästhetik wurde von IKEA aufgenommen, in günstiger Massenproduktion und zum DIY-Zusammenbau für die breite Masse zugänglich gemacht. Der Möbelproduzent bietet neben Dekorationsartikeln auch tropische Zimmerpflanzen an, die ebenso leicht zu kaufen, entsorgen und zu ersetzen sind. Umrisse solcher Pflanzen, die in Ländern des globalen Südens heimisch sind und bei uns ein Dasein in Innenräumen fristen, hat Sergio Rojas Chaves aus Textilien mit tropischen Motiven von Pflanzen, Blumen und Vögeln ausgeschnitten. Die Scherenschnitte scheinen sich auf den Möbelstücken auszuruhen, als wäre ihre dekorative Funktion erschöpft und sie den Trends der Innenarchitektur ausgeliefert. Mit Build me up greift Sergio Rojas Chaves die Kurzlebigkeit und Austauschbarkeit bestimmter Motive und Vorstellungen auf, aber auch konkreter Dinge wie Kleidung, Inneneinrichtung oder Zimmerpflanzen. Die konstante Verfügbarkeit all dieser Dinge lässt uns vergessen, woher sie kommen, welche Wege sie zurückgelegt haben, wohin sie gehen, wenn wir sie aussortieren und entsorgen.

Mit der Wahl der Textilien für die Scherenschnitte spielt Sergio Rojas Chaves wiederum auf etablierte Vorstellungen und Erwartungshaltungen an, was tropische Ästhetiken verkörpern sollen: Motive von farbenfroher Natur, unberührter Landschaft und wilder Tierwelt werden einerseits im Zuge globalisierter Designtrends und Fast Fashion austauschbar und homogenisiert, andererseits sollen diese stereotypen Bilder noch immer für ein gewisses Lebensgefühl der Tropen herhalten. Sergio Rojas Chaves beobachtet, dass sie für die zeitgenössische ästhetische und kulturelle Produktion von tropischen Ländern sehr einschränkend wirken können. Während wir uns tropische Zimmerpflanzen in unsere Wohnzimmer holen, führen touristische Erwartungshaltungen dazu, dass tropische Ästhetiken reproduziert werden, um kulturellen Erzeugnisse vermarkten zu können; beispielsweise in der costa-ricanischen Textilproduktion oder im Kunsthandwerk. Mit den bunten Motiven von Orchideen, Palmen und Früchten werden Stereotype bedient und damit die «exotische» Wahrnehmung des Landes im Kontrast zu einer «entwickelten, westlichen Welt» verstärkt. Sergio Rojas Chaves kritisiert den exotic gaze als eine Aussenperspektive, «über geografische oder kulturelle Grenzen hinweg. Er ist auf die Aufrechterhaltung von Grenzen angewiesen, damit die kulturelle Differenz und das Gefühl des Erstaunens und der Ver- wunderung, das er hervorruft, erhalten bleiben. Vergleichbar mit einem Vogelkäfig macht der Exotismus Menschen, Objekte und Orte fremd, während er sie domestiziert. Er reproduziert das Anderssein, obwohl er vorgibt, sich dem ihm innewohnenden Geheimnis zu widmen.»

Raum 3

Viele von RHODA DAVIDS ABELS Arbeiten haben ihren Ursprung in Träumen, Familiengeschichten und mythologischen Erzählungen. Die schwebenden textilen Objekte Bittergoet/Bitter Things basieren auf einem Traumbild Davids Abels; ein älterer Herr mit einer Ziege an seiner Seite. Im Zuge ihrer biografischen Nachforschungen erfuhr Rhoda Davids Abel, dass ihr tansanischer Urgrossvater Ziegen- und Schafhirte war. Unter den Hirten existierte der mündlich überlieferte Mythos von Ziegen, die in Form von Wolken übers Land reisten und als Überbringer von Nachrichten agierten. In der Verschmelzung von Tatsachenbericht und magischem Denken überträgt die Künstlerin das Bild der Ziegen-Wolke auf riesige, illuminierte Postsäcke; diese werden zum metaphorischen Behältnis der Informationsvermittlung. Die Laschen an den offenen Enden der Säcke sind mit unterschiedlichen symbolisch aufgeladenen Objekten bestickt – Kaurischnecken, kleinen Glöckchen, und den Deckeln und Verschlüssen von Aludosen. Diese werden von spirituellen Heiler*innen um die Knöchel getragen und begleiten als Rhythmusinstrumente ihre rituellen Tänze.

«Leichte Gefässe für schwere Nachrichten» zu kreieren, so beschreibt Rhoda Davids Abel ihre künstlerische Absicht. Die Auseinandersetzung mit Tod, Trauma und Spiritualität spielt ebenso in die Arbeit hinein wie der Versuch der Selbstverortung durch die Kontaktaufnahme mit den eigenen Ahn*innen – über Generationen sowie Grenzen der Kommunikation und kulturellen Verständigung hinweg. Für Davids Abels Arbeiten ist es bedeutsam, dass sie in Kollaboration mit Familienmitgliedern oder lokalen Communities entstehen. Die Hüllen wurden von einem Cousin genäht, der sich üblicherweise der textilen Ausstaffierung von Särgen widmet, und von der Künstlerin im Anschluss in Handarbeit bestickt. Die Audiospur besteht aus Feldaufnahmen, die Davids Abels auf ihrer Reise nach Tansania und Südafrika aufgenommen hat. Sie dokumentiert persönliche Begegnungen, rekonstruiert die spezifische Akustik der besuchten Gegend um den Berg der Ziegenhirten und schafft eine atmosphärische Klangkulisse, durch die die Wolkenobjekte zu ziehen scheinen. Darin treffen das Zirpen der Zikaden, das Rauschen des Windes, Stimmaufnahmen, Tanzschritte, Reifengeräusche und Glockenläuten aufeinander.

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